Am späten Nachmittag des 31. Juli 2026 herrscht reger Verkehr auf einem Hotelparkplatz in Buchloe, einer Kleinstadt im Ostallgäu. Die meisten Autos reisen aus Deutschland an, manche aus Österreich und den Niederlanden. Rund 40 Personen gehen in das Hotel. Viele sind Ü70, manche in den 20ern, 30ern und 40ern.
Die Personen besuchen die Jahrestagung von „Ur-Europa“. Der Verein, der in Thallichtenberg (Rheinland-Pfalz) sitzt und 140 Mitglieder haben soll, strebt laut Satzung die „Förderung von Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der europäischen Urgeschichte“ an. Es geht um vermeintliche „Ur-Kultur“ und „Ur-Religion“. Um Bilder und Bräuche, Sagen und Symbole und um völkischen Rassismus.
„Ahnenerbe“ und „nordische Rasse“
Der, man könnte sagen, Urvater des Vereins ist Herman Wirth (1885-1981), geboren im niederländischen Utrecht, Sohn eines Deutschen und einer Niederländerin. Der Völkische schrieb in seinem Hauptwerk „Der Aufgang der Menschheit“ (1928), nur eine „Wiedergeburt der nordischen Rasse“ könne die europäischen Völker, die sich im Niedergang befänden, retten. „Das Erwachen der nordischen Rasse in der Welt birgt in sich die einzige Möglichkeit der Erlösung der Menschheit“, behauptete er.
„Spätestens seit 1931“, merkt der promovierte Historiker Ingo Wiwjorra an, „setzte Wirth große Erwartungen in den Nationalsozialismus“. Wiwjorra, der sich mit der Biografie und den Schriften Herman Wirths beschäftigt hat, nennt einen Grund: „Er hoffte, in dieser politischen Bewegung die eigenen völkisch-religiösen Vorstellungen geistig beheimaten zu können.“ Die Erwartungen wurden erfüllt: 1932 richtete ihm die mecklenburgische NS-Regierung ein „Forschungsinstitut für Geistesgeschichte“ ein.
Wirth trat in die NSDAP und die SS ein. Er lernte den Reichsführer-SS Heinrich Himmler kennen. Mitte 1935 gründete er mit Himmler das „Deutsche Ahnenerbe“ der SS. Offizieller Vereinszweck war die Erforschung des „nordrassischen Indogermanismus“. Doch ihre Vorstellungen zur Ausgestaltung und Ausrichtung kollidierten. Das Ergebnis: Himmler drängte Wirth aus dem „Deutschen Ahnenerbe“ heraus. Aber der Verein „Ur-Europa“ behauptet heute, Wirth habe den Verein, die SS und die NSDAP „aus Gewissensgründen“ verlassen.
Esoterik, Pseudowissenschaft, Verschwörungsideologie
„Ur-Europa“ hat mit seinen Jahrestagungen das Ziel, „neue Erkenntnisse über die früheste Vergangenheit Europas zu verbreiten“. Die Programme der Tagungen sind eine Mischung aus Esoterik, Pseudowissenschaft und Verschwörungsideologie. Dieses Jahr waren Vorträge über „kosmische Tänze“ und „Menschheitsgeschichte auf dem Prüfstand“ angekündigt. Mit einem Bus fuhren die Teilnehmenden auf den, laut Programm, „sagenumwobenen“ Auerberg. Ein Mythos besagt, im Berg sei eine unterirdische Welt. Eine perfekte Vorlage für „Ur-Europa“.
Außerdem war Heidrun Beißwenger mit einem Vortrag angekündigt. Seit Jahren betreibt sie einen Blog. Auf dem erklärte Beißwenger etwa, die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck (1928-2024) sei eine „Heldin unseres Volkes“ und „Kämpferin für die geschichtliche Wahrheit“. Sie behauptete in einer Zeitschrift gar, die „jüdischen Führer“ hätten „die nordische Rasse nach Strich und Faden beraubt“, und fügte hinzu, „die Rabbiner“ stünden „kurz vor ihrem Ziel, die ganze weiße Rasse auszurotten“.
Gegenüber Belltower.News bestätigt sie, ins Allgäu eingeladen worden zu sein. Sie habe jedoch krankheitsbedingt absagen müssen.
FPÖ-Mann an der Vereinsspitze
An der diesjährigen Jahrestagung nahm Martin Bauer teil. Seit 2020 ist er der Vorsitzende des Vereins. Als er das Amt übernahm, war er „Ortsparteiobmann“ der FPÖ Kemeten. Für die Partei saß er jahrelang im Gemeinderat. Seine Fraktion versuchte, eine Gedenkstätte für die Rom*nja, die im Nationalsozialismus ermordet wurden, zu verhindern. 2022 gab die FPÖ Kemeten bekannt, man wolle einen „Generationenwechsel“. Bauer wurde abgelöst. Jedoch stellte er klar, „selbstverständlich“ werde er der Partei auch künftig „mit Rat und Tat zur Seite stehen“. Eine Anfrage von Belltower.News nach seiner Arbeit für die FPÖ und für „Ur-Europa“ ließ Bauer unbeantwortet.
Mit Thomas Schinnerl kam zum Jahrestreffen von „Ur-Europa” ein weiterer FPÖ-Mann. In der Steiermark ist er der Vorsitzende einer FPÖ-Ortsgruppe und Schriftführer des Rings Freiheitlicher Jugend. Die FPÖ-Jugendorganisation erklärt auf ihrer Webseite, „Remigration“ sei „Auftrag und Haltung einer Generation mit historischer Verantwortung“. Apropos historische Verantwortung: Schinnerl nahm im Winter 2022 am Begräbnis des SS-Veteranen Herbert Belschan-Mildenburg in Klagenfurt teil.
Ebenfalls in Klagenfurt besuchte er im Frühling 2023 die „Narvik-Feier“, um den „Helden“ des Gebirgsjägerregiments 139 der Wehrmacht zu gedenken. Wie die Rechercheplattform stopptdierechten.at berichtete, sollen die Teilnehmenden vor einer Gedenktafel salutiert haben. Im Laufe der Feier soll Schinnerl – als Schriftführer der Angehörigen-Kameradschaft jenes Regiments – aus dem Kriegstagebuch eines Ritterkreuzträgers vorgelesen haben. Auf Fragen von Belltower.News nach seinen Aktivitäten reagierte Schinnerl nicht.
„Arischer Bruder“ aus Österreich
Neben den FPÖ-Männern nahm mit Günther Adolf A. ein Österreicher teil, der seit Jahrzehnten im Neonazi-Milieu unterwegs ist. Er war Mitglied der „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG). Der Verein, der Kriegsverbrecher*innen und Rechtsterrorist*innen im Gefängnis unterstützte, wurde 2011 verboten. Bereits mehrfach saß A. wegen NS-Wiederbetätigung in Haft. Etwa, weil er mit illegalen Rechtsrock-Tonträgern handelte oder seine nationalsozialistischen Tattoos im Freibad zeigte.
Er war auch Mitglied der „Arischen Bruderschaft“ um den einflussreichen Neonazi Thorsten Heise aus Thüringen. Auf Fotos, die bei einschlägigen Szene-Veranstaltungen entstanden sind, ist A. im Shirt der Truppe zu sehen. Im September 2023, als das Bundesinnenministerium die völkisch-neonazistische Artgemeinschaft verboten hatte, gab Heise die Selbstauflösung der Arischen Bruderschaft bekannt. Offenbar befürchtete er das Verbot seiner Truppe.
„Förderung von Wissenschaft und Forschung“, so steht es in der Satzung von „Ur-Europa“. Die Jahrestagung im Allgäu zeigt, wer sich unter diesem Dach versammelt: FPÖ-Funktionäre, ein mehrfach verurteilter Neonazi, Verehrer*innen einer Holocaustleugnerin. Und über allem der Gründervater Herman Wirth, der mit Himmler das „Ahnenerbe“ der SS schuf. Die Legende, er habe SS und NSDAP „aus Gewissensgründen“ verlassen, erfüllt dabei einen Zweck: Sie macht Wirth anschlussfähig und den völkischen Rassismus, den er predigte, gleich mit.